Gewaltfreie Erziehung ist Gesetz. Und jetzt?

Seit dem 1. Juli 2026 ist eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert. Gleichzeitig sind die Kantone verpflichtet, Eltern und Kindern Unterstützung anzubieten. Doch was brauchen Familien wirklich und wer sorgt dafür, dass diese Hilfe ankommt?

Von Jennifer Walter, Soziologin, Wettingen

Mein Kind und ich sitzen im Bus. Es will partout nicht aussteigen. Die Luft ist schwer und heiss; ich bin übermüdet. Das Sommerkleid klebt am Körper, hinter mir müffelt jemand. Im Kopf rattert die To-do-Liste: Znüni-Box, Work-Mails, Geburtstagsgeschenk kaufen, zu kleine Fussballschuhe. Die Bustüre schliesst gleich. Wir müssen aussteigen. Für einen Moment bleibt nur noch Raum für Erschöpfung und Überforderung. Und ich merke: Jetzt platzt es aus mir heraus. Meine Stimme wird laut und scharf. Abends im Bett läuft die Szene dann wieder und wieder ab. Mit jedem Replay mag ich mich ein bisschen weniger.

Gewaltfrei erziehen braucht mehr als guten Willen

Gewalt entsteht häufig in Situationen von Überforderung, Stress und fehlender Unterstützung. Psychisch belastete Eltern setzen deshalb auch nachweislich häufiger Erziehungsmassnahmen ein, die Gewalt umfassen (Schöbi et al., 2025). Das macht Gewalt weder akzeptabel noch harmlos – zeigt aber, dass auch die Bedingungen mitzudenken sind, unter denen Eltern erziehen. Die wahre Herausforderung besteht also darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Eltern anders handeln können. Eltern wissen, dass Gewalt falsch ist. Kindlicher Overload gepaart mit mütterlichem Mental Load in der Bus-Sauna: In Alltagssituationen wird dieses Wissen jedoch nicht automatisch handlungsleitend. Es braucht deshalb nicht nur Informationen, sondern auch Übung, Reflexion und Unterstützung, damit alternative Reaktionen in angespannten Situationen verfügbar werden.

Zuständig per 1. Juli, aber wie weiter?

Der neue Artikel verpflichtet die Kantone, Beratungsangebote für Eltern und Kinder bei Erziehungsschwierigkeiten bereitzustellen. Doch wie erreichen wir Kinder, wenn der Zugang zu ihnen hauptsächlich über ihre Eltern läuft? Es braucht deshalb Vertrauenspersonen ausserhalb der Familie: Hortbetreuer*innen, Fussballtrainer*innen, Pfadi-Leiter*innen, Schulsozialarbeiter*innen oder Lehrpersonen. Gerade weil dank der obligatorischen Schulpflicht viele Wege über die Schule führen, kommt diesen Personen eine wichtige Rolle zu. Geschulte Fachpersonen können Verhaltensveränderungen frühzeitig erkennen, Vertrauen aufbauen und intervenieren. Dafür brauchen sie jedoch klare Zuständigkeiten, funktionierende Abläufe, kompetente Anlaufstellen und vor allem Ressourcen.
Damit bleibt die immer wiederkehrende Gretchenfrage: Wer bezahlt das?

Jennifer Walter ist Soziologin, Mutter eines Schulkinds und Vorstandsmitglied der SP Wettingen.


Literaturverweis und weiterführende Informationen

● Schöbi, B., Rapicault, A., & Schöbi, D. (2025). Elternverhalten in der Schweiz: Schlussbericht 2022 bis 2024. Universität Freiburg, Institut für Familienforschung und -beratung. Im Auftrag von Kinderschutz Schweiz.
● Beratung zu Themen rund um den Familienalltag, bei Erziehungsfragen, in Krisen, bei Überforderung und Gewalt: Elternnotruf – Beratung für Eltern und Bezugspersonen
https://www.elternnotruf.ch/
● Eine Studie der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und der HES-SO Fribourg zur Perspektive von Eltern auf Erziehung ohne Gewalt und darauf, welche Unterstützung sie sich wünschen, läuft im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen (EKKJ) bis Ende 2026.

 

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