Klima-Tote machen keine Schlagzeilen

Die Hitze fordert auch in der Schweiz viele Menschenleben. Trotzdem bleibt die politische Reaktion erstaunlich leise. Warum nehmen wir die Klimatoten hin, obwohl das Sterben fast immer vermeidbar wäre?

Von Leo Keller, Co-Präsident Fachausschuss Energie und Klima

Am 25. Mai wurde in der Schweiz erstmals flächendeckend ein Hitzetag (>30°C) im Mai gemessen. Seither wurden 26 Hitzetage registriert – dreimal so viele wie im Mittel der letzten 30 Jahre.

2025 brannten die Wälder an vielen Orten im Ausland. Wir waren Zuschauer aus sicherer Entfernung. Bei uns ereignete sich der Bergsturz von Blatten. Er betraf ein Dorf mit 300 Einwohnern und 230 Zweitwohnungen, ein Mensch kam ums Leben. Über einen möglichen Zusammenhang mit dem Klimawandel wurde sehr vorsichtig diskutiert. Dafür spendeten die Schweizer kräftig – bis heute sind es mehr als 70 Mio.

Aber jetzt ist der Klimawandel auch bei uns allen angekommen. Wir alle spüren ihn, aber sterben tun nur die 65+. In der ersten Hitzewelle, während 3 Wochen Ende Juni/Juli, betrug die Übersterblichkeit gemäss BA für Statistik 470 Personen. Bis Ende Sommer dürfte sie bei über 1000 Personen liegen. Gemäss dem Chef der WHO Europa wären sie praktisch alle vermeidbar!

Wo bleibt die politische Debatte?

Doch niemand empört sich. Die Mainstream-Medien berichten kaum darüber. Niemand fordert ein schnelles, breitangelegtes Schutzprogramm für die Vulnerablen. Auch kein Aufschrei bei den Linken und den Grünen oder den Altersverbänden. Politische Vorstösse auf nationaler Ebene? Fehlanzeige!
Klar ist: Dies ist erst der Anfang. Hitzerekorde werden weiter steigen, auch die Wasserknappheit wird zum Problem, und die Schäden für Natur, Land- und Forstwirtschaft werden sichtbarer werden.

Warum reden wir nicht über den tödlichen Klimawandel? Warum wollen wir nicht wahrhaben, dass er viel schneller kommt, als alle Modelle prognostiziert haben? Was könnten die systemischen Gründe für dieses weitere gesellschaftliche Versagen sein?

Mögliche Gründe, warum wir fröhlich weiter auf der Titanic tanzen

Erstens: Wir fangen an zu spüren: Der Westen verliert seine globale Vormacht, die Schulden des Kolonialismus tauchen wieder auf. Wir spüren, dass sich etwas Grundlegendes am Verändern ist. Der Irankrieg, die neue Technologieführerschaft Chinas, die Bedrohungen durch die KI etc. Sie erzeugen ein Gefühl breitflächiger Verunsicherung – da wollen wir nicht noch weitere bissige Widersprüche aufkommen lassen.

Zweitens: Für den Klimawandel sind ja die anderen 99,9% der Welt-Bevölkerung verantwortlich – wir 0,1% müssen ihn einfach erdulden. Er gehört jetzt zu unserem Alltag – da kann ich mich nicht dagegen auflehnen. Diese Schuld, dass wir die Folgen des Klimawandels nicht managen können, will ich mir nicht aktiv vergegenwärtigen.

Drittens: Für die notwendigen Veränderungen in der Klimapolitik haben wir offenkundig keine Mehrheiten (siehe Klimafonds-Abstimmung) – an diese Ohnmacht will ich nicht erinnert werden. Und betroffen bin ich ja (noch) nicht, denn wir, die Aktiven 80% der Bevölkerung sind jünger als 65.

4 Vorschläge, was jeder von uns tun kann – privat und politisch

Öffentlich über die Hitze-Risiken der 65+ reden und mit Altersheimen, Spitex und Senioren-Organisationen den Dialog suchen, lokale Fachleute dazunehmen, kommunale Daten zur hitzebedingten Übersterblichkeit einfordern.

Die Energieproduktion in der Gemeinde ausbauen: den Ausbau der Photovoltaik durch die Gemeinde vorantreiben, wie ihn das Stromgesetz seit 2026 fordert. Der Fachausschuss erarbeitet zurzeit Mustervorstösse zur Energieversorgungssicherheit.

Klimaschutz zur Gemeindeaufgabe machen. Die Diskussion über die Hitze- und Klimaschutz-Massnahmen starten, die die Gemeinden selbständig umsetzen können. Der Fachausschuss erarbeitet dazu einen Leitfaden.

Wissen in den Sektionen aufbauen. Lernveranstaltungen zur Energieversorgungssicherheit sowie zu Hitze- und Klimaschutz können helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen, um politische Aktivitäten abzuleiten.

Wenn Klimatote vermeidbar sind, ist Wegschauen keine Option. Wir sollten deshalb jetzt dort handeln, wo wir Einfluss haben: in unseren Gemeinden, in unseren Sektionen und in allen politischen Diskussionen.

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