Von Lucia Engeli und Anja Gestmann, Co-Präsidium SP Aargau
Am letzten Parteitag hat uns das Büro für feministische Ökonomie vor Augen geführt, wie eng unser Wirtschaftsverständnis ist.
Was wir messen und was nicht
Gezählt wird, was verkauft und bezahlt wird und somit im Bruttoinlandprodukt erscheint. Doch ein grosser Teil der Arbeit taucht dort nicht auf. Menschen pflegen Angehörige, betreuen Kinder, sichern den Alltag. Diese Sorgearbeit hält unsere Gesellschaft zusammen. Ohne sie würde nichts funktionieren. Wenn wir nur zählen, was Geld bringt, entsteht
ein schiefes Bild. Ein wachsender Rüstungssektor gilt als Erfolg. Überlastete Pflegekräfte erscheinen als Kostenfaktor. Der Druck, Care immer effizienter zu organisieren, führt zu Stress und Einsamkeit. Die Ökonomin Mariana Mazzucato erinnert daran: Zahlen sind nie neutral. Sie spiegeln politische Ziele. Wachstum ist kein Wert an sich. Entscheidend ist, was wächst und wem es nützt. Auch Ulrike Hermann betont, dass permanentes Wachstum in einer begrenzten Welt an Grenzen stösst. «Grünes Wachstum» allein wird die ökologischen und sozialen Widersprüche nicht auflösen.
Ein neues Verständnis von Erfolg
Wenn wir das ernst nehmen, müssen wir Erfolg anders definieren. Nicht maximale Gewinne stehen im Zentrum, sondern ein gutes Leben für alle. Eine Wirtschaft, die Care stärkt, investiert in Stabilität und Zusammenhalt. Wer Sorgearbeit gering schätzt, riskiert soziale Spannungen. Wer sie ins Zentrum rückt, fördert Vertrauen, sowohl im Inneren als auch nach aussen. Care ist keine private Angelegenheit einzelner Familien, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.
Vom Wissen ins Handeln
Im Workshop am Parteitag wurde deutlich: Das Wissen ist da. Nun braucht es konkrete Schritte:
1. Neue Massstäbe: Lebensqualität, Zeitwohlstand
und gute Versorgung müssen
genauso zählen wie Produktivität.
2. Bessere Bedingungen für Care-Arbeit: faire
Löhne, kürzere Arbeitszeiten, soziale Absicherung
und eine gerechte Verteilung zwischen
den Geschlechtern.
3. Klare Investitionsprioritäten: Kitas, Pflege,
Bildung und Gesundheit sind keine
Nebensache, sondern zentrale Infrastruktur
unserer Gesellschaft.
Care-Arbeit ist systemrelevant und wertschöpfend. Sie schafft Verbindung und stärkt den sozialen Frieden. Resignation wäre bequem. Doch Care ist zu wichtig, um sie weiter zu übersehen. Wenn wir Wirtschaft als Infrastruktur des Lebens begreifen, verändert sich auch unsere Politik. Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, weiter wegzuschauen.
