Warum wir den Begriff «Nachhaltigkeit» nicht hergeben dürfen

Vor den Abstimmungen vom 14. Juni wurde um ein Wort gerungen, das viel zu wichtig ist, um es der SVP zu überlassen: Nachhaltigkeit. Die Debatte hat gezeigt, wie umkämpft dieser Begriff geworden ist. Dabei steht Nachhaltigkeit für weit mehr: für soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung und eine Politik, die Chancen schafft, statt Menschen gegeneinander auszuspielen.

Von Laura Pascolin und Simone Allenspach, SP Wohlen

Die sogenannte «Nachhaltigkeitsinitiative» wollte uns weismachen, eine nachhaltige Schweiz entstehe vor allem durch Abgrenzung, Abschottung und das Zählen von Menschen. Doch mit einem umfassenden Verständnis von Nachhaltigkeit hat das wenig zu tun.

Wer einen Blick auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO wirft, erkennt schnell: Nachhaltigkeit ist viel mehr als eine Frage der Bevölkerungszahl. Es geht um soziale Gerechtigkeit, den Schutz der Umwelt und eine Wirtschaft, die auch langfristig tragfähig ist. 

Es geht um die Bekämpfung von Armut, gute Bildung, Gesundheit, Geschlechtergleichstellung, weniger Ungleichheit, bezahlbare und saubere Energie, menschenwürdige Arbeit, Klimaschutz sowie Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Nachhaltigkeit heisst, unsere sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Grundlagen so zu gestalten, dass auch kommende Generationen gut leben können. Nachhaltigkeit heisst nicht, Menschen gegeneinander auszuspielen. 

Genau dafür steht die SP: nicht für Scheinlösungen und einfache Feindbilder, sondern für konkret-konstruktive Politik. Wir verstehen Nachhaltigkeit nicht als Schlagwort, sondern als Auftrag.

Ein Werkzeug für eine bessere, nachhaltige Finanzpolitik
Wie konkret das werden kann, zeigte unsere Bildungsveranstaltung zu Gender Budgeting. Auf den ersten Blick klingt das technisch. Im Kern geht es jedoch um eine einfache Frage: «Für wen wirkt öffentliche Politik – und wen übersieht sie?» 

Budgets sind nicht neutral. Öffentliche Mittel kommen nicht automatisch allen Menschen gleichermassen zugute. Wer plant, verteilt und entscheidet, sollte deshalb genau hinschauen, wie politische Massnahmen auf unterschiedliche Lebensrealitäten wirken. 

Ein anschauliches Beispiel stammt aus Schweden. Dort wurde untersucht, wie die Schneeräumung im öffentlichen Raum organisiert ist. Traditionell wurden zuerst die grossen Strassen geräumt und erst danach die Fuss- und Velowege. Das erschien selbstverständlich – war aber nicht neutral. 

Denn gerade auf Fusswegen und Velorouten sind viele Menschen unterwegs, für die Glatteis besonders gefährlich ist: Kinder auf dem Schulweg, Eltern mit Kinderwagen, ältere Personen sowie Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkauf. 

Als die Reihenfolge der Schneeräumung angepasst wurde, konnten Unfallrisiken gesenkt werden – ohne zusätzliches Geld und ohne mehr Personal. Entscheidend war ein Perspektivenwechsel. 

Das ist nachhaltige Politik: hinschauen, wer betroffen ist. Ungleichheiten erkennen, bevor sie teuer werden. Öffentliche Mittel so einsetzen, dass sie möglichst viel Sicherheit, Teilhabe und Gerechtigkeit schaffen. 

Gender Budgeting ist deshalb kein Nebenschauplatz. Es ist ein Werkzeug für eine bessere Finanzpolitik – und damit auch für eine nachhaltigere Politik.

Nachhaltigkeit beginnt mit Verantwortung
Nachhaltigkeit beginnt nicht mit Ausgrenzung. Sie beginnt dort, wo wir Verantwortung übernehmen: für Menschen, für die Umwelt, für gerechte Chancen und für eine öffentliche Hand, die nicht blind budgetiert, sondern klug gestaltet. 

Die SP steht für ein Verständnis von Nachhaltigkeit, das niemanden zurücklässt. Für eine Politik, die in Bildung investiert statt in Spaltung. Für Gleichstellung statt Blindstellen. Für sozialen Zusammenhalt statt Abschottung. 

Wenn andere versuchen, den Begriff Nachhaltigkeit umzudeuten, dürfen wir ihn nicht aufgeben. Wir müssen ihn zurückholen.

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