Ernährungsinitiative: Gut gemeint, aber am Ziel vorbei

Am 27. September stimmt die Schweiz über die Ernährungsinitiative ab. Sie fordert, den Selbstversorgungsgrad auf 70 Prozent zu erhöhen. Das klingt nach mehr Versorgungssicherheit, hätte aber einen grundlegenden Umbau unseres Ernährungssystems zur Folge.

Von Colette Basler, Grossrätin SP Aargau, Vizepräsidentin Bauernverband Aargau

Im Zentrum der Initiative steht eine stärkere Ausrichtung auf pflanzliche
Ernährung. Die Landwirtschaft müsste ihre Produktion anpassen, die Bevölkerung ihr Konsumverhalten ändern. Die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten würde beschnitten.

Nachhaltigkeit als Privileg für Gutverdienende
Kritik kommt aus allen politischen Lagern. Die SP-Ständerätin Franziska Roth bezeichnete die Initiative als «übertrieben, unnütz und ungerecht». Sie warnt vor den sozialen Folgen: «Eine nachhaltige Ernährung darf nicht zum Privileg für Gutverdienende werden.» Höhere Produktionskosten und zusätzliche Regulierungen könnten zu steigenden Lebensmittelpreisen führen. Besonders betroffen wären Haushalte mit tiefen und mittleren
Einkommen. 

Keine Berücksichtigung der Regionalität
Ein weiteres Problem ist die fehlende Berücksichtigung der geografischen Realität der Schweiz. Christine Badertscher, Nationalrätin Grüne, weist auf einen zentralen Widerspruch hin: «Ohne unsere grasfressenden Kühe, Schafe oder Ziegen können wir mehr als zwei Drittel unserer Landwirtschaftsflächen nicht für die menschliche Ernährung nutzen.» 

Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bestehen aus Grasland. Viele dieser Flächen liegen in Berg- und Hügelregionen und eignen sich weder für Gemüse noch für Ackerbau. Wird die Tierproduktion stark eingeschränkt, droht ein grosser Teil dieser Flächen nicht mehr zur Lebensmittelversorgung beizutragen. Auch die unterschiedlichen Voraussetzungen der Betriebe werden ausgeblendet. Wie soll etwa ein Betrieb im oberen Fricktal mit schweren Böden, Hanglage und fehlenden Bewässerungsmöglichkeiten auf Gemüsebau umstellen? Für viele Familienbetriebe wären die geforderten Anpassungen weder wirtschaftlich noch praktisch umsetzbar. 

Verlagerung der Wertschöpfung ins Ausland
Zudem besteht die Gefahr von mehr Einkaufstourismus und einer Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland. 

Bild: Colette Basler

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